27. Oktober 2007
Die düsteren und tänzerischen Seiten des Cellos
Klassik in Spandau bot ein besonderes Konzert mit den Berliner Cellharmonikern
SPANDAU Die Fachleute wissen es: Für Cellisten ist Jacques Offenbach eine Offenbarung. Die Besucher der Konzertreihe „Klassik in Spandau“ wissen es seit Samstagabend auch. Dort begannen die Berliner
Cellharmoniker ihr Konzert – in der mit mehr als 170 Zuhörern sehr gut gefüllten Kirche St. Marien am Behnitz – mit dem „Quartett für 4 Violoncelli“ von Jacques Offenbach. Der hatte seine Karriere einst als Cello-Virtuose
begonnen. So konnte er sich gut in das Instrument hineinversetzen, spürte auch die dunklen Seiten der Kniegeige auf und schuf vor mehr als 150 Jahren diese Komposition.
Offenbachs Werk ist eines der wenigen Originalkompositionen für Celli, der gebürtige Pole Alexandre Tansmann
hat ein weiteres hinterlassen. 1938 schrieb er in Paris „Deux Mouvements“, ein wunderschönes Stück mit
dunklen wie innigen, mit tänzerischen wie dramatischen Phasen. Alle wissen die vier jungen Musiker zu
meistern. Seit der Gründung des Quartetts 1994 sorgen die Berliner Cellharmoniker für Furore. Studiert haben
sie an den beiden Berliner Musikhochschulen, beschäftigt sind sie inzwischen am Berliner Konzerthausorchester.
David Drost, Alexander Kahl und Andreas Kipp gehören zu dem Quartett, als Vierter saß bei dem Spandauer
Konzert Taneli Turunen auf dem Podium, er spielt das stellvertretende Solo-Violoncello im Berliner
Konzerthausorchester und fügte sich als Vertretung nahtlos in das besondere Ensemble ein.
Denn besonders war das Konzert in mancher Hinsicht. Die Musiker spannten den Bogen von Klassik bis Pop.
Nach Offenbach und Beethoven folgte Musik aus dem 20. Jahrhundert. Würzige Tangos erklangen ebenso wie
das gefühlvolle „Summertime“ von George Gershwin. Auch am Ragtime und Marsch versuchten sich die
Cellharmoniker. Aber Scott Joplins „Maple Leaf Rag“ und Glenn Millers „St. Louis Blues March“ waren zwar
vorzüglich gespielt, hinterließen aber doch einen experimentellen Eindruck. überzeugend dagegen wieder das
Cellogewand für Montis Csárdás und die Interpretation des schnellen Grönemeyer-Titels „Mambo“.
Am 22. November geben die Berliner Cellharmoniker ein Benefizkonzert in Berlin-Frohnau. Es beginnt um 19.30
Uhr im Centre Bagatelle und dient zum Erhalt des Kulturzentrums.
Text: MARLIES SCHNAIBEL
Märkische Allgemeine Zeitung vom 30. 10. 2007
17. März 2007
Am Flügel begeistert mit Bach, Beethoven und Liszt
Klassik in Spandau bot Berlin-Debüt für Haiou Zhang / Konzert für Fernsehausstrahlung im April aufgezeichnet
Was macht den Zauber der Klaviermusik aus? Sind es die Kompositionen der Meister oder ist es eher das Wie der Darbietung, die Ausstrahlung des Interpreten oder die individuelle Gestaltung der Werke? Letzteres muss es sein, denn anders lässt sich nicht erklären, dass eine am Flügel dargebotene „Chromatischen Fantasie und Fuge“ von Bach die Zuschauer so in ihren Bann ziehen kann, wie sie es am Sonnabend im Gotischen Saal der Zitadelle tat, als der 22-jährige chinesische Virtuose Haiou Zhangsie sie aufführte. Er spielte das Werk des genialen Johann Sebastian Bach aus der Barockzeit in die Romantik versetzt: mit Verzögerungen, dynamischen Effekten und Pedal und holte es – wie der Moderator Marék Bobéth formulierte – „zu neuen Gestaden in die Strömung unserer Zeit“. Chromatisch heißt ja durch alle Halbtonstufen bis an die Grenzen der Dur-MollÜbergänge gehend, mit Dreiklangs- und Akkordbrechungen in lauter Tonleiterkaskaden mit den Fingern über die Tasten huschend, eher einer Etüde gleich.
Mit dem halbstündigen virtuosen Werk riss Haiou Zhang die Zuhörer gleich zu Anfang in seinen Bann, weil er auf die Bach’sche Linearität verzichtete, statt dessen das Werk im Sinne einer Fantasie in freier Entfaltung der Motive und in dynamischen Akzenten anlegte.
Anschließend wechselte der Pianist ins Romantische mit Beethovens Mondscheinsonate, die ihren Namen erst durch den Dichter Ludwig Rellstab erhielt, der meinte, beim Hören des ersten Satzes dieser Sonate fühle er sich an eine Bootsfahrt bei Mondenschein auf dem Vierwaldstädter See erinnert. Ob der junge Interpret wohl diese Deutung kannte, als er kürzlich die Mondscheinsonate am Vierwaldstädter See spielte? Im Gotischen Saal der Zitadelle spielte sie ihn so hingebungsvoll lyrisch, dass sie sowohl als eine Trauermusik (wie von Beethoven gedacht), als auch als eine Hingabe an Beethovens Schülerin Gräfin Giuletta Guicciardi empfunden werden konnte, der er diese Sonate gewidmet hat, obwohl die technischen Anforderungen äußerst hoch sind.
Vor der Pause erklang „Isoldes Liebestod“ aus Wagners Oper „Tristan und Isolde“ von Franz Liszt, meisterhaft für den Flügel transkribiert und phantasievoll ausgedeutet. Nach der Pause spielte Haiou Zhang ausschließlich Originalkompositionen von Franz Liszt. Der hatte im 19. Jahrhundert neuartige Klaviermusik geschaffen, die höchste Virtuosität verlangte und war mit seiner Technik für die kommende Generation maßgebend. Schon mit der Konzertetüde Nr. 2 erzielte Haiou Zhang Begeisterungsstürme, die sich nach dem Petrarca-Sonett aus Liszts Pilgerjahren und nach den „Wasserspielen an der Villa d'Este“ noch steigerten.
Der ernsthafte junge Haiou Zhang, dem kein Lächeln zu entlocken war, spielte mit äußerster Konzentration und versank ganz in die zu interpretierenden Werke. Es erstaunte die Zuhörer schon, dass ein so junger Mann am Ende des ersten Teils und auch am Ende des Konzerts Stücke um den Tod setzte. Er beendete sein Konzert mit den poetischen und religiösen Harmonien „Funérailles“, die Liszt nach dem Tod dreier Freunde im ungarischen Aufstand komponiert hatte. Ganz in sich versunken, der Trauer hingegeben, aber auch im Aufbruch der Gefühle spielte Haiou Zhang dieses Werk.
Danach war eine Zugabe kaum möglich, aber die Standing Ovations des Publikums entlockten ihm noch ein Nocturne von Chopin und ein feuriges Werk von Liszt.
Das Konzert, mit dem der junge Pianist sein Berlin-Debüt gegeben hat, ist vom Fernsehsender 3Sat aufgezeichnet worden und wird voraussichtlich im April ausgestrahlt.
Text: IRENE KRIEGER
Märkische Allgemeine Zeitung vom 19. 3. 2007
24. Februar 2006
Absurde Menschwerdung des Affen
Ein kafkaesker Musikbericht über die Freiheit im Gotischen Saal der Zitadelle
Wenn ein Mensch einen Affen spielt, der sich zum Menschen abrichtet und abgerichtet wird, dann der Akademie der künstlerischen Wissenschaften über seine Menschwerdung einen Bericht abgeben soll – wenn all das passiert, kann es sich nur um eine kafkaeske Phantasie handeln. Mit diesem Bericht legt der Dichter der Ausweglosigkeit und der existentiellen Abgründe eine absurde Komik vor, in der es dem menschgewordenen Affen nicht an Einsicht fehlt in die Beschränktheit seines neuen Zustandes.
Mit der „Musikalischen Zähmung“, einem kafkaesken Musikbericht über die Freiheit, bot die Konzertreihe „Klassik in Spandau“ den etwa 90 Zuschauern und Zuhörern am Freitag eine Uraufführung im Gotischen Saal der Zitadelle.
Eingebettet in Klaviermusik von Debussy, Bach/Busoni und Chopin, die der britische Pianist Sam Haywood hinreißend spielte, gab der Schauspieler und Regisseur Matthias Diem eine überzeugende Figur, die trotz Menschwerdung nicht aus ihrem Affenkörper entfliehen kann und wohl auch nicht will. Das Wesen sucht nicht die menschliche Freiheit, es sucht einen Ausweg aus dem Gefangensein.
Die Idee der Menschwerdung sah er, als er auf der Schiffsreise in einen engen Käfig gesperrt war, als einzigen Ausweg an. So ahmte er die Menschen nach, lernte, die Hand zu geben, die Pfeife zu rauchen, zu sprechen und trat als gewesener Affe in die Welt ein. Er kam zum Varieté, erhielt Lehrer, die seine Menschwerdung vorantrieben und erreichte schließlich die Durchschnittsbildung eines Europäers. Kommt er abends nach Hause, setzt er sich in den Schaukelstuhl, schaut aus dem Fenster, eine Flasche Wein auf dem Tisch und eine halbdressierte Schimpansin im Schlafzimmer. So schaffte er sich zwar nicht die Freiheit, aber doch den Menschenausweg aus dem Käfig. „Im Ganzen habe ich erreicht, was ich wollte, man sage nicht, es wäre nicht der Mühe wert gewesen“, ist er überzeugt.
Mit affenartigen Bewegungen und geschminkt, dass sein Gesicht dem der Menschenaffen glich, zog Matthias Diem die Zuschauer in seinen Bann, während Sam Haywood zunächst mit drei Stücken aus Claude Debussys „Childrens Corner“ den Bericht an die Akademie untermalte. Bei fortschreitender Menschwerdung konnte schon ein Choral von Bach und eine Chaconne in der Bearbeitung von Busoni erklingen, bis schließlich der Affe, die Akademie und die Zuhörer reif waren für Frédéric Chopin, der selbst einst aus einem geknechteten Land emigriert war. Stürmischen Beifall erhielt Sam Haywood für die Grande Polonaise brillante op. 22 mit emotionalen Ausbrüchen und für die Berceuse op. 57 in Des-Dur, in der sich über einer Bassfigur eine Fülle von Variationen mit Trillern und kadenzartigen Passagen entwickeln.
Text: IRENE KRIEGER
Märkische Allgemeine Zeitung vom 27. 2. 2006
21. Januar 2006
Erst fünf, dann acht
Konzert mit Mozart und Mendelssohn
Mitglieder der Kammerakademie Potsdam waren am Sonnabend dem Ruf von „Klassik in Spandau“ gefolgt und boten unter Kerzenschein im Saal des Schützenhofs ein Streichquintett von Mozart und ein Streichoktett von Mendelssohn Bartholdy. Einen Abend vorher hatten sie das Programm im Nicolaisaal in Potsdam aufgeführt, nun überzeugten sie hochkonzentriert und mit großem Können das mehr als einhundert Personen umfassende Publikum.
Die ersten Kompositionen für ein Streichquartett entstanden in der Mitte des 18. Jahrhunderts, ehe die Komponisten das Quartett zum Quintett erweiterten mit Verdoppelung der Violen oder der Celli. Das Streichoktett ist schließlich ein doppeltes Quartett.
Wolfgang Amadeus Mozart schrieb sechs Streichquintette. Von denen das an diesem Abend erklungene, keineswegs nur heiter ist. Obwohl in D-Dur gesetzt, schleicht sich schon im ersten Satz nach einer plötzlichen Generalpause ein Schatten ein, wenn es eingetrübt in Moll weitergeht. Nach dem Menuett folgt ein ausdrucksstarkes Andante, in dem sich erste Geige und erste Bratsche solistisch entfalten, ehe das Werk mit einem monumentalen Rondo abschließt. Die fünf Musiker setzten die Fülle der gegensätzlichen Gedanken in sehr differenzierter Darstellung um und besonders die Leiterein an der ersten Violine, Muriel Cantoreggi zog das Publikum in ihren Bann.
Nach der Pause dann das Streichoktett in Es-Dur von Felix Mendelssohn Bartholdy, dessen vier Sätze er 1825, erst 16-jährig, sehr einheitlich für alle acht Instrumente und ohne Gegensätze komponiert hatte. Der dritte Satz, das Scherzo, trägt das Motto „Wolkenzug und Nebelflor“ aus Goethes Faust, der Walpurgisnacht. Der letzte Satz übernimmt und transformiert Motive aus den vorigen Sätzen und steigert sie zu einem grandiosen Abschluss, der das Publikum in Spandau von den Stühlen riss, um die Musiker mit begeistertem Applaus zu überschütten.
Text: IRENE KRIEGER
Märkische Allgemeine Zeitung vom 23. 1. 2006
17. Oktober 2005
Saisoneröffnung mit Brahms, Glière und Sibelius
Auftakt für Klassik in Spandau mit russischer Romantik / Beifall für Solohornisten Claudius Müller
Glänzend wurde die Saison von Klassik in Spandau eröffnet und knapp 300 Zuhörer genossen die großartig dargebotene Musik vom Lietze-Orchester unter Hanno Bachus und dem faszinierenden, erst 23 Jahre alten Horn-Solisten Claudius Müller.
Zum sechsten Mal fand das Saisoneröffnungskonzert in den Räumen der Daimler-Chrysler AG, Niederlassung Berlin, in der Seeburger Straße in Spandau statt. Wie in den Vorjahren stand es unter dem Motto eines Landes, diesmal war es Russland. Der Botschafter, Wladimir Kotenew, hatte die Schirmherrschaft übernommen. Er war zwar nicht selbst anwesend, hatte aber Vertreter aus der Botschaft ge-schickt. So stand natürlich ein Werk eines russischen Komponisten auf dem Programm. Es war das Hornkonzert von Reinhold Glière, der 1874 in Kiew als Sohn eines Belgiers geboren wurde. Ab 1920 unterrichtete er als Professor für Komposition am Konservatorium in Moskau, wo er 1956 starb.
Sein Hornkonzert, das wie alle seine Kompositionen ganz in der Tradition der Spätromantik steht, komponierte er 1950. Es gehört seitdem zum Repertoire aller bedeutenden Hornisten, die in den vier Sätzen alle Facetten ihres Könnens auszubreiten vermögen. So faszinierte auch Claudius Müller, der mit elf Jahren sein Hornstudium begann, mehrere Preise gewann und seit 2004 Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes ist, nicht nur mit Stilsicherheit, großer Virtuosität und mit einer begeisternden Kadenz, sondern auch mit im Pianissimo vorgetragenen Tönen.
Eingerahmt wurde das Hornkonzert in das weltberühmte Konzertstück „Valse triste“ des finnischen Komponisten Jean Sibelius, das er 1903 als Bestandteil des Bühnenstückes „Der Tod“ komponiert hatte, und von der vierten und letzten Symphonie von Johannes Brahms in e-Moll, die Krönung seines sinfonischen Schaffens, die manch einer auch „die Elegische“ nennt.
Das Lietze-Orchester, ein von seinem Leiter Hanno Bachus noch zu seiner Studienzeit an der heutigen UdK aus Studenten gegründetes Orchester, trägt seinen Namen nach dem Gründungsort, dem Universitätsgebäude in der Lietzenburger Straße. Die etwa 70 jungen Musiker, die an der UdK oder der Musik-hochschule „Hanns Eisler“ studieren, zeigten hohes Können, schienen mit ihrem Dirigenten verwachsen zu sein und wurden immer, aber besonders nach ihrer vorzüglich interpretierten 4. Symphonie von Johannes Brahms lang anhaltend gefeiert.
Der Vorsitzende des Vereins „Klassik in Spandau“, Andreas Waldraff, dankte dem Betriebsleiter Jürgen Walker dafür, dass sich Mercedes Benz mit freundlicher Zuneigung auch auf lokaler Ebene fördernd einsetzt und Jürgen Walker schenkte dem Dirigenten und dem Solisten als Anerkennung für deren Leistung je ein Pkw-Modell.
Das nächste Konzert von „Klassik in Spandau“ findet am 18. November im Gotischen Saal der Zitadelle statt. Dann heißt es „Klavier mal zwei, mal vier“ mit Werken von Beethoven und Schubert.
Text: IRENE KRIEGER
Märkische Allgemeine Zeitung vom 17.10.2005
17. Juni 2005
Gruseliger Saisonabschluss
Es scheint, als wäre die kleine barocke komische Oper nur für diesen Abend ins Vampirmilieu verlegt worden ist. Für den Aufführungsort, die Spandauer Zitadelle, wo jährlich Hunderte Fledermäuse Unterschlupf finden, hätte keine treffendere Transformation von Pergolesis „Magd als Herrin“ gefunden werden können.
Uberto (Axel Thielmann), ein einsamer Vampir in den besten Jahren, versprach der jungen Schönheit Serpina (Jana Hruby), sie zu seiner Gattin zu nehmen. Aber den endgültigen, dritten Liebesbiss hat er ihr bis jetzt verweigert! Dies ausnutzend muss sie ihm als Magd in seiner hochherrschaftlichen Bastei dienen. Eines Nachts hat Serpina genug von der Hinhaltetaktik und nimmt die eingefrorene Romanze mit der Unterstützung von Vespone (Frank Wesner) selbst in die Hand.
Der Verein „Leipziger Künstler und Kunstfreunde“ präsentiert das Werk, das als unterhaltsames Intermezzo für die ernste, bombastische Barockoper komponiert wurde, in deutscher Sprache. Regisseur Frank Wesner produziert aus der biederen Barockoper ein Stück voll Ironie und Witz. Durch die lockere aber immer intensive und glaubwürdige Darbietung der Darsteller verbreitete sich schnell Amüsement in den gut besuchten Italienischen Höfen. Der stimmgewaltige Axel Thielmann überzeugt vor allem durch seine Mimik und seine unkonventionelle Darstellung, die immer wieder zur Erheiterung des Publikums beiträgt. Mit ihrer hinreißenden Stimme und ihrer verführerischen Ausstrahlung spielt Jana Hruby den oft skurril wirkenden und dadurch perfekten Gegenpart zu Ubertos Rolle.
Ausgewogen und dezent begleitet die Camerata Leipzig unter der Leitung von David Timm mit erfrischender Lebendigkeit das Geschehen.
Mit diesem erfolgreichen Abend geht auch eine erfolgreiche sechste Saison von Klassik in Spandau zu Ende.
Text: Matthias Lehmann
Der Autor ist Student der Musikwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin
Mai 2005
Liederabend
Nach dem erfolgreichen Klavierabend von Sam Haywood am gleichen Ort im Januar können Sie nun bei "Klassik in Spandau" einen klassischen Liederabend erleben.
Die Mezzosopranistin Ursula Hesse von den Steinen gehört zu den jungen erfolgreichen deutschen Vertreterinnen ihres Faches und macht eine internationale Karriere. Sie studierte an der Hochschule der Künste Berlin und gewann schon früh Preise in nationalen und internationalen Wettbewerben. Sie begann ihre Opernkarriere in Lübeck, Nürnberg, Bonn und setzte sie an den führenden deutschen Bühnen Berlin (Komische Oper) Hamburg (Staatsoper) und Dresden (Semperoper) fort.
Inzwischen ist sie gefragte Solistin an der Oper Bastille in Paris, in Amsterdam, Brüssel, Antwerpen, New York, Neapel etc. 2006 wird sie bei den berühmten internationalen Festspielen in Glyndebourne auftreten. Sie arbeitet mit bedeutenden Regisseuren und Dirigenten zusammen. Erst kürzlich war sie Solistin bei der Aufführung von Mahlers "Symphonie der Tausend" in der Philharmonie Berlin unter Eliahu Inbal.
Ihre besondere Neigung gilt dem Liedgesang. Mit Marek Bobéth als Partner am Flügel und bewährtem Moderator hat sie ein Programm mit Liedern von Richard Wagner (Wesendonck-Lieder), Richard Strauss und Gustav Mahler (Wunderhorn-Lieder) und anderen erarbeitet, das bereits mehrfach mit Erfolg aufgeführt wurde, u. a. in Bayreuth, in der Villa Wahnfried auf dem originalen Flügel Wagners. Die Presse lobte: "Was wir hören, trumpft nicht mit vokaler Prunksucht auf, sondern mit dramatischer Deutlichkeit."
Mai 2005, Märkische Allgemeine
Hochdramatisch, aber auch heiter
Klassik in Spandau mit Liederabend zu Ehren Hans von Bülows
SPANDAU Der zwölfjährige Hans von Bülow war von der Uraufführung der Oper Rienzi von Richard Wagner 1842 so fasziniert und erschüttert, dass er sogleich beschloss, Komponist zu werden und als Erstes ein Lied ohne Worte komponierte. Mit diesem Stück, das als Autograph in der Berliner Staatsbibliothek gefunden wurde, begann am Freitag der Liederabend anlässlich des 175. Geburtstages des Pianisten, Dirigenten und Komponisten Hans von Bülow im Gotischen Saal der Zitadelle. Die Veranstalter von Klassik in Spandau hatten dazu geladen.
Es war ein Liederabend mit Werken von dessen Zeitgenossen wie Franz Liszt, Richard Wagner, Richard Strauss, Gustav Mahler und auch von Hans von Bülow selbst, den die Mezzosopranistin Ursula Hesse von den Steinen mit großer Ausdruckskraft und Variabilität der Stimme den leider nur etwa 50 Zuhörern begeisternd vortrug. Am Flügel wurde sie von Marek
Bobéth begleitet, der in seiner Moderation die Lebensstationen von Hans
von Bülow erzählte. Dieser wurde als Pianist und als Dirigent berühmt, er setzte in seiner Dirigententätigkeit neue aßstäbe. Er dirigierte die Uraufführungen von Wagners Opern Tristan und #132;Meistersänger in München, den Freischütz in Zürich auswendig.
Mit neun Jahren schon war er Klavierschüler von Friedrich Wieck, dem Vater von Clara Schumann, und Kompositionsschüler bei Carl Eberwein. Nach einem Studienaufenthalt bei Franz Liszt in Weimar heiratete er 1857 dessen Tochter Cosima, die er später an Richard Wagner verlor.
Die erste Aufführung der hochdramatischen Wesendonk-Lieder nach Gedichten von Richard Wagners Muse Mathilde Wesendonk, begleitete Hans von Bülow am Flügel. Ursula Hesse von den Steinen interpretierte sie mit großer Stimme und nur in den Träumen Welche wunderbaren Träume halten meinen Sinn umfangen werden sie etwas innig.
Vor der Pause erklang noch Hans von Bülows 1871 komponiertes Sonett
Dante und die von Franz Liszt 1874 angefertigte Transkription für Pianoforte, die Bülow für besser hielt als seine Komposition, und die Marek Bobéth hinreißend vortrug. Es folgten zwei chöne Bülow-Romanzen in französischer Sprache.
Nach den eher verhaltenen und traurigen Liedern Richard Strauss wie
Lob des Leidens oder Aus den Liedern der Trauer endete der Abend unter brausendem Beifall mit sehr lustigen Liedern aus Des Knaben Wunderhorn, die Gustav Mahler vertont hatte.
Die Mezzosopranistin Ursula Hesse von den Steinen studierte an der UdK Berlin und gewann nationale und internationale Preise, sie hat Engagements an vielen europäischen Bühnen. Ihr Klavierpartner Marek Bobéth ist Pianist, Chordirigent, Musikwissenschaftler und
Hochschullehrer.
Text: Irene Krieger
Februar 2005, Märkische Allgemeine
Soiree bei E.T.A. Hoffmann
Ein Dichter, Tonkünstler, Maler und Kammergerichtsrat
SPANDAU Richtig in Fahrt und im Feuer des geistsprühenden E.T.A. Hoffmann waren die Mitwirkenden schließlich im zweiten Teil der Darbietung; dann sang Tenor Stephan Spiewok von der Komischen Oper Berlin den „Klein Zack“ – nach Hoffmanns Märchen „Klein Zaches, genannt Zinnober“ und aus Jacques Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“ – und er sang hinreißend. Nicht weniger begeisterte die Sopranistin Marion Koch mit der Darstellung und dem Gesang der „Olympia“, der schönen Aufziehpuppe des Professors Spalazani, wofür sie großen Beifall bekam.
Erst drei Tage vor der Aufführung hatten beide die Rollen einstudiert, weil die vorgesehenen Solisten, Silvia Krüger und Klaus Florian Vogt, erkrankt absagen mussten. Am Freitag hatte „Klassik in Spandau“ zur „Soiree bei E.T. A. Hoffmann“ in den Schützenhof geladen.
An Vielseitigkeit übertraf den phantasievollen E.T.A. Hoffmann – auch Geisterhoffmann genannt – wohl kaum eine Geistesgröße des 19. Jahrhunderts. Er war nicht nur Pianist, Komponist, Klavierlehrer, Dichter, Schriftsteller und Karikaturist, sondern auch als Kammergerichtsrat in Berlin erfolgreich tätig. Von seiner Wohnung am Gendarmenmarkt musste er tatenlos zusehen, wie alle Dekorationen seiner Oper „Undine“ einem verheerenden Feuer anheim fielen. Schinkel hatte die Dekorationen entworfen und Friedrich de la Motte Fouqué das Märchen Undine gedichtet, aus der E.T.A. Hoffmann mit seiner Musik die erste romantische Oper schuf, die 1816 und 1817 vor dem Brand des Schauspielhauses 17 erfolgreiche Aufführungen erlebt hatte.
Marek Bobéth ist für „Klassik in Spandau“ den Spuren des vielseitigen Künstlers gefolgt und hat mit einer „Soiree bei E.T.A. Hoffmann“ in vier Szenen das Leben nachgezeichnet. Die ersten Gäste strömten am Freitag schon zwei Stunden vor der Aufführung in den Saal, die 400 Plätze füllten sich restlos.
Großes Aufgebot auch auf der Bühne: Mit den Berliner Chorfreunden, die in der Garderobe der Zeit die Damen und Herren der Gesellschaft darstellten, dem Kammerchor Wedding als Domchor zu Berlin, dem Adolf-Zander-Oktett der Berliner Liedertafel unter Gerhard Rost, das die Zeltersche Liedertafel darstellte, spielte die erste Szene am Gendarmenmarkt zu Berlin, ehe es nach Königsberg in Ostpreußen ging. Dann folgte man E.T.A. Hoffmann nach Warschau, Bamberg und Berlin, als schließlich in der vierten und letzten Szene das berühmte Weinlokal Lutter & Wegner, wo Hoffmann mit dem Darsteller Devrient viele Stunden und Nächte beim Wein verbrachte, Schauplatz wurde.
In schneller Folge wurde gesungen, rezitiert, moderiert, dargestellt und Klavier gespielt. Textstellen aus Hoffmanns „Kreisleriana“, aus der Novelle „Don Juan“, dem Märchen „Klein Zaches“ und aus der Erzählung „Der Sandmann“ waren zu hören. Die Chöre sangen Mozarts „Ave verum“ aus dessen Oper „Titus“, aber auch Hoffmanns Musik mit dem Jägerlied nach Ludwig Tieck und mit dem Schlusschor aus der Oper „Undine“. Von Hoffmann erklangen kleine Duettinos, die er in Warschau für seine Gesangsschülerin Julchen komponierte – kleine Blumen am Wege, wie sie Rochlitz gelobt hatte.
Mit „Gute Nacht, alle Erdensorg’ und Pracht“, dem Schlusschor aus der Undine-Oper, endete der großartige Querschnitt durch die Lebensstationen des E.T.A. Hoffmann. Das Publikum war begeistert und spendete jubelnden Beifall.
Text: Irene Krieger
Januar 2005
Chopin privat
Klassik in Spandau lud am vergangenen Freitag (14.Januar 2005) zu einem Klavierabend des jungen britischen Pianisten Sam Haywood ein.
In den Gemäuern des Gotischen Saals präsentierte Haywood Werke von Grieg, Mozart, Villa-Lobos und Chopin, wie man sie heute nur selten genießen kann. Haywood gelang es, die übliche Distanz zwischen Interpret und Publikum auf geheimnisvolle Art zu durchbrechen und so einen Abend unter Freunden zu inszenieren.
Edvard Grieg verbindet in seiner Suite "Aus Holbergs Zeit" barocke Elemente mit moderner Prägung. Beide Elemente hebt Haywood in seiner Interpretation hervor, aber auf eine Weise, welche die Homogenität des Werkes nicht zerstört.
In Mozarts A-Dur Sonate gelingt es Haywood jeder Variation des ersten Satzes eine eigene Note zu verleihen, mal verspielt, mal ernst, aber immer mit technischer Perfektion.
Liebevoll präsentiert Haywood die "Geschichte der Puppe" von Heitor Villa-Lobos. Jede einzelne holt er behutsam hervor und beschreibt in Tönen ihren Charakter - sei es die Zerbrechlichkeit der Porzellanpuppe oder die Bösartigkeit der Hexenpuppe, die Vergänglichkeit der Papierpuppe oder die Ausgelassenheit der Clownpuppe.
Der zweite Teil des Programms war der Musik Chopins gewidmet. Mit hoher, aber nicht zur Schau gestellter Virtuosität präsentierte Haywood unter anderem das Scherzo b-Moll. Mit einfühlsamem und poetischem Ton verzaubert er das Publikum mit den lyrischen Nocturnes op. 27. Feierlich-virtuos endet dieser meisterhafte Klavierabend mit der Polonaise As-Dur. Die Wärme, die Haywood seinen Gästen - ja, seinen Freunden - schenkte, nimmt jedoch ein jeder noch mit nach Hause.
Sam Haywood konzertiert wieder am 8., 15., und 23. April 2005 im Tertianum, Passauer Straße 5-7, Tel. 21 99 20.
Text: Matthias Lehmann
Der Autor ist Student der Musikwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin
November 2005
Spandauer Journal vom 24. November 2004
Auch schräge Töne treffen
Spandau Im doppelten Wortsinne will Klassik in Spandau am Sonntag einen Volltreffer landen:
Zum einen soll mit "Humor in der Musik" in das Konzert gelockt, zum anderen mit einem gelungenen Lunch im Anschluss der Vormittag so richtig
rund gemacht werden.
Die "Doppeldeutigkeit" löst sich schnell auf, weiß man um den Veranstaltungsort der um 11 Uhr startenden Matinee:
den Schützenhof in der Niederneuendorfer Allee 12-16. Hier können Werke von Weber, Hindemith, Mozart und anderen die richtige Vorspeise
für das große Lunchbüffett sein - oder letzteres ist willkommener Nachtisch zur Kunst. Darf man davon ausgehen, dass Essen und Trinken
wirklich auf den Punkt zubereitet sind, so ist doch der genaue musikalische Ton an diesem Tag manchmal der ungenaue:
Klassik wir mit einem Augenzwinkern serviert, den großen Komponisten werden bewusst einige schräge Töne zugespielt -
Humor in der Musik halt. ag
Oktober 2005
Spandauer Volksblatt vom 3. November 2004 schrieb:
Klassikstart mit Gruß aus Großbritannien
Botschafter trug sich ins Goldene Buch ein
Spandau Mit sehr viel Rhythmus eröffnete "The Band of the Adjutant General's Corps & Choir" die Saison von Klassik in Spandau.
Die DaimlerChrysler-Niederlassung an der Seeburger Straße platzte aus allen Nähten. Nicht nur Musikfreunde hatten sich hier versammelt,
die eine der besten Militärkapellen der Welt hören wollten, sondern auch viele Spandauer, die sich auch mit ein bißchen Wehmut daran erinnerten,
dass vor genau zehn Jahren die britische Schutzmacht Berlin verlassen hatte.
Bürgermeister Konrad Birkholz (CDU) erinnerte daran, dass in den langen Jahren des Miteinanders viele persönliche Freundschaften entstanden sind,
die bis heute halten. Botschafter Sir Peter Torry kann das auf besondere Weise bestätigen.
Er kam 1948 in Spandau zur Welt. Und mindestens bis zum Ende der Blockade, so hat es ihm seine Mutter erzählt, blieb die Familie in Berlin.
So wurde der Eintrag des Diplomaten ins Goldene Buch Spandau ebenso beklatscht wie die Musiker unter der Leitung von Captain Robert Pennington.